A review by nettebuecherkiste
Chesapeake by James A. Michener

5.0

Im Jahr 1608 landet der englische Abenteurer John Smith an der amerikanischen Nordküste in einer großen, schmalen Bucht: der Chesapeake Bay. Zu seinen Mitstreitern gehört der Katholik Edmund Steed, der vor der Verfolgung in seinem Heimatland geflohen ist. Nach anfänglichen Kämpfen mit lokalen Indianerstämmen entschließt sich Steed, auf einer Insel nahe der Mündung des Choptank zu siedeln, die er Devon nennt.

Im Nachfolgeroman von „Centennial“ verzichtet James Michener darauf, die Entwicklung der großen Bucht bis in frühere Erdzeitalter zurückzuverfolgen und lässt seine Handlung mit dem Indianer Pentaquod vor der Ankunft der englischen Siedler einsetzen. Die Urbevölkerung nimmt jedoch erheblich weniger Raum in Anspruch, als dies bei Centennial der Fall war. Es dauert nicht lange, bis der nahe Devon lebende, friedliche Indianerstamm mehr oder weniger ausgelöscht ist und nur noch dank einer Mischehe Nachfahren von ihnen in dem Buch vorkommen. In „Cheseapeake“ geht es vor allem in den ersten Teilen des Buches viel um Religion, denn nicht nur die katholische Familie Steed, sondern auch die Quäkerfamilie Paxmore gehören nicht der protestantischen Mehrheitsreligion der Kolonien an. Die Quäker werden zunächst in einigen Kolonien gar verfolgt und als Ketzer hingerichtet. Doch Devon liegt in Maryland, der einzigen katholischen Kolonie, in der andere christliche Konfessionen toleriert wurden. Interessant ist hier auch zu wissen, dass Michener selbst als Quäker erzogen wurde.

Wie in seinen anderen Büchern verfolgen wir die Geschichte der Region anhand der Nachkommen einiger früher Protagonisten. Was die Charaktere angeht, kann „Chesapeake“ nicht ganz mit „Centennial“ mithalten, es gibt zwar einige echte Sympathieträger wie Rosalind Steed, doch insgesamt konnte ich hier zu weniger Charakteren einen so guten Zugang finden. Wie mein Lesebuddy bald anmerkte, ist in „Chesapeake“ im Grunde die Bucht selbst der Hauptcharakter.

Ein wichtiges Thema, das sich durch Micheners Bücher zieht, ist die Zerstörung der Natur, die Kolonisten roden die Wälder, die Lebensgrundlage der Indianer, später setzen sie fürchterliche Jagdwaffen ein, mit denen Dutzende Wildvögel mit einem Schuss getötet werden können, sodass Enten und Gänse zeitweise völlig aus der Region verschwinden. Auch die Austernbänke in der Bay werden gnadenlos ausgebeutet. Die entsprechenden Kapitel sind dementsprechend auch solche mit unsympathischen Charakteren, den gierigen Jägern nämlich. Sogar die Folgen des Klimawandels spielen in dem Roman von 1978 schon eine Rolle.

Im Vergleich mit den Romanen Micheners, die im Westen der USA spielen, spielt in „Chesapeake“ natürlich die Sklaverei eine größere Rolle. So verfolgen wir die Entführung und Versklavung eines jungen Mannes aus der Kongoregion und seine Zeit als Sklave bei einem der Steeds und einem Sklavenschinder, der den Geist aufsässiger Sklaven auf fürchterliche Weise brechen soll. So unterhaltsam auch die ersten Kapitel über die nun als Piraten in der Karibik agierenden Turlocks, den Nachfahren eines als Straftäter deportierten Briten sind, so bitter werden sie, als sie schließlich ihre Schiffe als Sklavenschiffe betreiben.

Das letzte große Thema in dem Roman ist der Watergate-Skandal, an dem zwei von Micheners Protagonisten beteiligt sind. Hierzu, muss ich gestehen, kann ich nicht allzu viel sagen, da sich meine Kenntnisse des Skandals in Grenzen halten.

Insgesamt ist „Chesapeake“ das bisher plotmäßig am besten aufgebaute Buch, das ich von Michener gelesen habe, eine stimmige Geschichte der am frühesten durch Europäer besiedelten Region in Nordamerika. Mein Lieblingsbuch von Michener bleibt aufgrund bestimmter Charaktere und der stärkeren Rolle der Indianer „Centennial“, doch Chesapeake ist sicher ein Meisterwerk des Autors.