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niakantorka 's review for:

Tschick by Wolfgang Herrndorf
5.0
adventurous emotional funny inspiring lighthearted fast-paced
Plot or Character Driven: Character
Strong character development: Yes
Loveable characters: Yes
Diverse cast of characters: No
Flaws of characters a main focus: Yes

Seit seinem Erscheinen im Sommer 2010 hat Tschick es vom Sommerbuchhit des Jahres in den Schulkanon des Deutschunterrichts geschafft. Tatsächlich war ich damals (2010) in dem Sommer schwanger und konnte nur Bücher lesen, die ich schon kannte. Von allem anderen habe ich wegen der Hormone oder warum auch immer wahnsinnig Albträume bekommen. Jetzt hatte es also der Teenager in der Schule auf dem Lehrplan und wir haben es zusammen gelesen.

Dass Maik Klingenberg (14) und Andrej Tschichatschow (Tschick, 14) einen Lada klauen und damit einen Trip in die Walachei machen wollen, ist vermutlich bekannt. So weit kommen die Zwei aber nicht. Meiner Schätzung nach schaffen sie es von Berlin aus bis in die Provinz von Sachsen oder Thüringen, was u.a. auch daran liegt, dass sie keine Handys und erst recht keine Karte dabei haben. Ist aber auch egal, den der Weg ist in Tschick definitiv das Ziel.

Ich habe mich lange nicht mehr so kringelig gelacht über ein Buch. Ungefähr jedes dritte, manchmal auch jedes zweite Kapitel war absolut spektakulär in seiner Absurdität, mit perfekten und urkomischen Beschreibungen. 

Ehrlich, ich könnte ganze Seiten zitieren, über die ich Tränen gelacht habe: zum Beispiel das Kapitel, in dem die zwei Jungs zum ersten Mal in dem Lada fahren (16), das mit Walachei und Jottwehdeh (18) oder das dem Adel auf dem Radel (24) und das Quiz bei Friedemann und Familie (25) und natürlich das mit der Müllkippe (29) sowie - mein absolutes Highlight- das mit der Sprachtherapeutin (38). Ach ja, auch die immer wieder auftauchende Cassette mit Richard Claydermanns Klaviermusik war ein Schmankerl vermutlich aber nur für die Generation X (meine Tochter hat sich nach dem Vorspielen dann nachträglich auch noch beömmelt). 

Zu gerne würde ich alte Titanic-Ausgaben wälzen und mir die Zeichnungen des Autors anschauen. So ein wunderbar skurriler Humor - vom Feinsten. Traurig ist, dass Wolfgang Herrendorf recht bald nach seinem Erfolg an einem Hirntumor erkrankt ist (was leider eine der Krebsarten ist, bei denen die Therapie trotz unzähliger Studien seit Jahrzehnten kaum Fortgeschrittene gemacht hat) und er zwei Jahre später genug davon hatte: Er hat sich 2013 das Leben genommen. 

Er muss eine schlagfertige Person gewesen sein mit einem Sinn für Ironie und einer Schwäche für Sarkasmus und damit ein Mensch nach meinem Geschmack. Es tut mir leid, dass ich ihn viel zu spät über dieses Buch Kennen und Schätzen gelernt habe. Sein Buch zu seiner Erkrankung „Arbeit und Struktur“ werde ich in jedem Fall ebenfalls lesen - auch wenn es darin sicher nicht viel zu lachen gibt.

P.S.: Ich bin wirklich ein bisschen neidisch, dass das Kind so ein cooles Buch für Deutsch lesen konnte. Aber immerhin hat sie es mit mir zusammen gelesen und wir hatten wirklich eine schöne Zeit dabei.

P.P.S: Glaube ja, die inzwischen niedrige Bewertung kommt durch lauter Teenager zustande, die das Buch eben auch lesen müssen und die sich da alleine durch beißen müssen - was bei all den vielen Anspielungen auf die Zeit der 1980er, 1990er und 2000er schon blöd sein kann, wenn man es nicht erklärt bekommt. 2010 ist doch ein wenig her. Ich habe einiges erklärt, aber es hat sich gelohnt: Der Teenie fand es ‚ein echt gutes Buch‘.