A review by paddipat
Homo Ludens. Vom Ursprung Der Kultur Im Spiel by Johan Huizinga

adventurous challenging informative inspiring reflective relaxing medium-paced

4.0

Ein tolles und wichtiges Essay aus dem Jahre 1938, dass sehr provokante Fragen stellt und zu einer Neuentdeckung des Menschen und seiner geschichtlichen Entwicklung einlädt. Huizunga betrachtet hierbei Spiel nicht nur als eine Kulturerscheinung unter vielen, sondern als Element von Kultur selbst: eine grundlegende Substanz, formative Kraft von Kultur. "Kampf z. B. als brutale Selbstbehauptung so alt wie der Mensch, wird im Medium des Spiels zum Wettstreit gebändigt, zur Auseinandersetzung nach Regeln auch beim Waffengebrauch, und damit zu einem Stück anfangender Kultur. Religion und Kultus entfalten sich in heiligen Spielen. Dichtung und Musik sind im Spiel geboren und sind und bleiben ihrem Wesen nach Spiel. Aber auch die Formen des sozialen Umgangs, die Konventionen, das Regeln der Konflikte, Rechtswahrung und Rechtsprechung gründen und formen sich im Spiel. «Kultur in ihren ursprünglichen Phasen wird gespielt. Sie entspringt nicht aus Spiel, wie eine lebende Frucht sich von ihrem Mutterleibe löst, sie entfaltet sich in Spiel und als Spiel»". Und es ist wirklich eine spannend geschriebene Reise durch die altgermanische, japanische, chinesische und griechische Kultur, die mir interessante Einsichten in das Verständnis von "Spiel" als solches geboten haben, d. h. in Hinblick auf die unterschiedlichen Verständnisse der einzelnen Kulturen von "Spiel". So ist unser im deutschen Sprachraum gängiges Verständnis des Begriffs (das Niederländische funktioniert analog dazu genauso, also bieten sich da keine Unterschiede) ein sehr abstrahiertes, allgemeines, dass sich auf unfassbar viele Lebensbereiche anwenden lässt und unter sich, dem Begriff "Spiel", subsummiert. Sei es nun das kindliche Spiel, sozial organisiertes Spiel, Wettkämpfe, Krieg usw. Im Gegensatz dazu sind die "Sphären", in denen sich einzelne Bereiche wie das Glücksspiel bspw. bewegen, vielleicht in einer anderen Kultur anderen Sprachräumen als des Spiels zugeordnet und werden demzufolge auch anders wahrgenommen als "Spiel". Vielleicht dann eher als Frage der Ehre. Oder der Familie. Was auch immer das heran- und zusammengewachsene Sprachkonstrukt und die umgebende Kultur daraus gemacht haben und gegenwärtig machen. 

Ohne ins Detail gehen zu können, erhärtet sich auch mit dieser Lektüre der Eindruck, sich dem Ausmaß, in dem man sich von vergangenen Bewusstseinszuständen vergangener Zeiten unterscheidet, noch gar nicht vollumfänglich bewusst zu sein. Denn ja ich weiß, vermutlich ewige Reise. Aber insbesondere bei den Ausführungen zu den archaischen Völkern und ihren Sitten, die eine Vorstufe zu dem bilden, was wir wohl Kultur nennen würden, imponierten mir die nachhakende Art, die Art und Weise des Wissenschaftens zu hinterfragen: "Eine noch tiefer schürfende Frage, zu der die Betrachtung der Personifikation und Allegorie Anlaß gibt, lautet: Haben die heutige Philosophie und Psychologie das Ausdrucksmittel der Allegorie gänzlich aufgegeben? Oder schleicht sich nicht doch zuweilen in die Terminologie, mit der sie psychologischen Impulsen und Geisteshaltungen Namen geben, die uralte Allegorie ein? - Aber gibt es eigentlich überhaupt jemals abstrahierende Sprache ohne Allegorie?" Fürwahr, gibt es die überhaupt?

Insgesamt nehme ich für mich mit, das sich im Spiel in einem Prozess der Grenzziehung und -überschreitung Prozesse der Anspannung und der Entspannung vollziehen, die die Ambivalenz dessen verkörpern, was die glücklichsten unter uns jeden Tag verspüren dürfen: Leben. Leben ist Spiel. Und Ernst. Aber eben auch Spiel. Ich habe das Gefühl, daraus kann man mehr mitnehmen, als auf den ersten Blick ersichtlich scheint. Aber Huizunga erklärt euch das deutlich besser als ich (oder zumindest mal schöner): Wer in der ewigen Umwälzung des Spiel-Ernst-Begriffs fühlt, wie seinen Geist ein Schwindel ergreift, der findet den Stützpunkt, der ihm im Logischen entsank, im Ethischen wieder. Das Spiel an sich, so sagten wir zu Anfang, liegt außerhalb der Sphäre der sittlichen Normen. Es ist an sich weder böse noch gut. Wenn aber der Mensch eine Entscheidung zu treffen hat, ob eine Tat, zu der sein Wille ihn treibt, ihm als Ernst vorgeschrieben oder als Spiel erlaubt ist, dann bietet ihm sein sittliches Gewissen einen Prüfstein. Sobald im Entschluß zur Tat Gefühle von Wahrheit und Gerechtigkeit, von Erbarmen und Vergebung mitsprechen, hat die Frage keine Bedeutung mehr. Ein Tropfen Mitleid ist genug, um unser Tun über die Unterscheidungen des denkenden Geistes emporzuheben. In jedem sittlichen Bewußtsein, das in der Anerkennung von Gerechtigkeit und Gnade gegründet ist, kommt die Frage, ob Spiel oder Ernst, die bis zuletzt unlösbar blieb, für immer zum Schweigen."

Unzählige spannende Dinge wären noch zu erzählen, aber ich bin zu faul. Also noch der Abschluss des Nachtwortes von Andreas Flitner: "Homo ludens - wer sollte den Menschen zeichnen, ohne sich auch seiner Spieler-Natur zu vergewissern?"