A review by hann_thea
Kassandra by Christa Wolf

challenging dark informative inspiring sad tense slow-paced
  • Plot- or character-driven? Character
  • Strong character development? No
  • Loveable characters? It's complicated
  • Diverse cast of characters? No
  • Flaws of characters a main focus? It's complicated

5.0

Ich weiß keine Rezi beim Lesekreis, deshalb könnt ihr das ausblenden. Aber ich vergesse sonst alles 😂😂

Für die Griechen gibt es nur entweder Wahrheit oder Lüge, richtig oder falsch, Sieg oder Niederlage, Freunde oder Feind, Leben oder Tod. [...] Anchises meinte einmal, wichtiger als die Erfindung des verdammten Eisens hätte die Gabe der Einführung für sie sein können. Daß sie die eisernen Begriffe Gut und Böse nicht nur auf sich bezögen. Sondern zum Beispiel auch auf uns.

Nichts davon werden ihre Sänger überliefern.

"Kassandra" ist trotz der Kürze eine gewaltige Erzählung. Wortgewandt und poetisch führt Christa Wolf in einem durchgehenden Stream-of-Consciousness durch die Lebensgeschichte von der Seherin Kassandra, die gleichzeitig eine Geschichte darüber ist, wie Troja an den Griechen zerbrechen muss, aber auch daran, dass männliches Heldentum mehr geschätzt, mehr ernstgenommen wird, als weibliches Empfinden. Es ist eine Geschichte des Untergangs, der auch damit einhergeht, dass Frauen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden.

Nur deshalb kann Aeneas entkommen und Kassandra, die keinen Helden lieben kann, zieht bereits zu Beginn der Erzählung das Fazit: "Mit der Erzählung gehe ich in den Tod. Hier ende ich, ohnmächtig, und nichzs, nichts was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt."

Ich will nicht lügen: Ich bin mir sicher, dass ich nicht alles verstanden habe, weder inhaltlich, noch auf tieferen Ebenen. "Kassandra" ist keine einfache Erzählung und ich glaube, man muss sich mehrfach mit ihr auseinandersetzen, um sie komplett zu verstehen  (den oft genannten DDR-Bezug habe ich z.B. nicht gesehen, weil ich auch einfach nicht genug darüber weiß).

 Eben weil die Erzählung verlangt, dass man sie bespricht, ist das für mich die perfekte Lesekreiswahl und das erhöht die hohe Wertung auf die (vielleicht vorläufige?) fünf Sterne.