A review by premium_huhn
An Unexpected Apprentice by Jody Lynn Nye

adventurous medium-paced
  • Plot- or character-driven? Plot
  • Strong character development? It's complicated
  • Loveable characters? It's complicated
  • Diverse cast of characters? It's complicated
  • Flaws of characters a main focus? Yes

2.0

Tildi Summerbee vom kleinen Volk verliert in einem Angriff der schrecklichen Thraik ihre gesamte Familie. Die Tradition gebietet, dass sie als Frau den elterlichen Hof nicht alleine weiterführen kann. Bevor der Rat sie an den nächstbesten Taugenichts verheiraten kann, ergreift Tildi, verkleidet als ihr verstorbener Bruder Teldo, die Flucht, um Teldos Stelle Lehrling beim großen Magier Olen anzutreten. Auf Tildi, die nie zuvor allein außerhalb ihrer friedlichen Heimat unterwegs gewesen ist, warten sehr viel mehr Abenteuer, als sie sich jemals hätte erträumen können.

Ich könnte mir definitiv vorstellen, der Autorin mit einem ihrer anderen Werke nochmal eine Chance zu geben. Aber dieses Buch war nichts für mich.

[Achtung, Spoiler ahead]

Ich hätte mir anhand des Klappentextes einen Fokus auf Tildis Verkleidung als ihr Bruder Teldo vorgestellt sowie auf ihre Ausbildung beim Magier Olen. Tatsächlich ist das aber fast schon nebensächlich. Tildis Verkleidung fliegt quasi sofort auf und spielt dann keine Rolle mehr (dazu gleich mehr). Die Ausbildung dauert wenige Wochen, bevor Tildi als Außerwählte den Ring nach Mordor bringen … ähm ich meine natürlich das gefährliche magische Buch finden muss.
 
Ein großer Teil der Handlung behandelt diese Reise – und meine Güte, war die langweilig. Ich hab mich durch die letzten 50 Seiten richtig durchquälen müssen. Wir alle wissen, dass sie am Ende am Ziel ankommen werden, und es liest sich wie eine Seitenvorgabe vom Verlag, dass erst noch 100 Seiten „Und dann kommen sie dorthin und dann kommen sie dahin und dann passiert ihnen das“ folgen, ehe wir endlich die Szene lesen dürfen, auf die wir eigentlich Bock hatten.

Und meine Güte, ist der Antagonist dämlich. Er hat ein mächtiges magisches Artefakt, mit dem er Leute aus der Ferne gezielt umbringen könnte. Das tut er auch. Aber ausgerechnet die Gruppe, die ihm dicht auf den Fersen ist … die will er nicht direkt umbringen und bewirft sie stattdessen mit albernen Hindernissen. Selbst wenn man ihm ein Gewissen zugestehen möchte, dass ihn daran hindert, die Leute umzunieten (nicht, dass ihn die zahllosen Menschen, die er in einem Vulkanausbruch killt, irgendwie gejuckt hätten, aber naja). Selbst dann verhält er sich grenzenlos dämlich. Er hat die Macht, die Welt um sich herum zu verändern. Dude, dann schaff halt ne unüberwindbare Mauer, undurchdringliche Labyrinthe, Falten in Zeit und Raum … whatever. Warum schafft die Autorin so ein spaßiges und übermächtiges Magiesystem, nur damit am Ende die Hauptfigur und der Antagonist wie Grundschulkinder um ein Buch rangeln, statt großartige Magie zu wirken? (Ja, die zerren an dem Buch herum. Wtf.)

Tildi als Hauptfigur mochte ich nicht. Das Buch hat so einen feministischen Anstrich, der aber für mich nicht funktioniert hat und Tildis Entwicklung und der Umgang mit ihr ist Teil des Problems. Tildi stammt aus einer Gesellschaft, in der Frauen ganz offen weniger wert sind als Männer und nicht für sich selbst handeln und sprechen dürfen. Daher auch ihre Verkleidung zu Beginn der Erzählung – Tildi ist der Überzeugung, dass sie als Frau nicht die Möglichkeit hat, Lehrling eines Magiers zu werden. Ich hätte es spannend gefunden, zu lesen, wie sie diese ihr anerzogenen Vorurteile durch eigene Erfahrungen ablegt und durch ein auf Grundlage ihrer Entscheidungen und Fähigkeiten neu gewonnenes Selbstbewusstsein ersetzt. Und eben auch, wie sie die Gefahren meistert, die ihr als Halblingin, Frau und als Person ohne Schutz durch Familie oder Freund\*innen drohen.

Stattdessen wird ihre Verkleidung sofort durchschaut, aber alle unterwegs finden sie niedlich und sorgen für ihren Schutz, ohne ihr das mitzuteilen. Tildi selbst muss auf ihrer Reise zu Olen nichts leisten (etwas, das sich durchzieht durch das Buch). Bei Olen angekommen, enttarnt der Meister Tildi sofort, indem er ihr sagt, dass sie kein Junge sei und die Verkleidung ablegen kann. Das ist auf so vielen Ebenen räudig. Da will die Handlung mir vermitteln, dass Frauen selbstbestimmt leben können und dann wird der Hauptfigur von einem Mann erklärt, wie sie sich zu zeigen und ihr Leben zu leben hat. Enttarnende Runenmagie hin oder her, einfach nein. Es wäre so viel spannender zu lesen gewesen, dass der Meister sie zwar Kraft seiner Magie durchschaut, aber ihre Entscheidung, sich als Junge auszugeben akzeptiert und ihr selbst überlässt, ob, wann und wie sie ihr Geheimnis lüften möchte. Das geht ihn schließlich nichts an. Eine verpasste Gelegenheit, Tildi selbst lernen zu lassen, dass sie selbstverständlich auch als Frau ihrer Stellung beim Magier würdig ist.

Auch sonst trifft Tildi keine Entscheidungen nach ihrer Abreise aus ihrer Heimat wirklich selbst. Klar, pro forma wird sie andauernd gefragt, ob sie sich wirklich dieser oder jener Gefahr aussetzen will. Aber es gibt keinen Plan B. Tildi macht, was nur sie machen kann oder Weltuntergang.

Tildis Reisebegleiterinnen sind wahlweise dämlich oder nervig, was Teil dessen ist, wieso ich die Reisebeschreibung so unleserlich fand. Die große Magierin, der fast am Ende plötzlich einfällt, dass sie ja gar nicht bedacht hatten, dass der Antagonist die unfassbaren magischen Kräfte des Buches auch nutzen könnte, wow. Deren Tochter, die eine bitchige Biatch ist und der das alle zugestehen, weil sie ja so troubled ist. Eine Zentaurin, die Tildi nicht für voll nimmt. Eine Zwergin, die Tildi wie ein Kind bemuttert. Eine Soldatin, die ihren ehemaligen Geliebten dabeihat, den sie nicht mehr lieben kann, weil er jetzt hässlich ist (wow). Ein hässlicher Soldat, der nicht kochen kann und ständig in Panik gerät.

Die interessanteste Figur in diesem „feministischen“ Roman ist der Barde/Prinz Magpie – der Einzige im Buch, der vor wirklich schwierigen Entscheidungen steht, die echte Konsequenzen nach sich ziehen. Aber keine Sorge – damit der nicht zu cool rüberkommt, kriecht er andauernd vor so einer Prinzessin zu Kreuze, deren Motivation zwar grundsätzlich nachvollziehbar, aber so wahnsinnig mies ausgearbeitet ist, dass sie vor allem wankelmütig wirkt.

Ich würde hier nicht so rumranten, wenn das Buch einfach nur schlecht gewesen wäre, aber das war es nicht. Die erste Hälfte mochte ich sogar von einigen Schnitzern abgesehen ganz gern. Aber sobald Tildi in der zweiten Hälfte des Buches auf ihre große Reise geht, mutiert das Buch weg von seinem eigentlich brauchbaren Worldbuilding und seinem interessanten Sprach/Runenmagiesystem zu einem ollen Herr-der-Ringe-Abklatsch. So ein verschenktes Potenzial! Meh!