A review by missbookiverse
Gun Love by Jennifer Clement

4.0

Pearl lebt in einem Trailerpark-Mikrokosmos in Florida. Allerdings kann ihre Mutter sich keinen Wohnwagen leisten, weshalb die beiden seit Pearls Geburt in einem Auto wohnen, das sich niemals von der Stelle rührt. Die Schilderungen sind erschreckend: Abends dieseln Mutter und Tochter das Innere des Autos mit Insektenspray ein und verschließen sofort alle Türen und Fenster, damit das Ungeziefer sie nicht behelligt. Aber für Pearl ist das ganz normal. Plastiktüten dienen als Kleiderschrank und wenn jemand ans Fenster klopft, um mit ihrer Mutter zu sprechen, erklärt sie ihnen, ihr Zimmer sei auf dem Rücksitz.

Nach und nach erfahren wir, wie dieses Leben zustande gekommen ist und was für Vergangenheiten die anderen Bewohner:innen des Trailerparks mit sich herumtragen. Am Bedrohlichsten ist dabei die ständige Gegenwart von Waffen. Sei es die pinke Pistole als Geschenk an die Ehefrau im Nachbartrailer, die Gewehre, mit denen aus Spaß auf die Alligatoren im Fluß geschossen wird oder der Waffenhandel, der hinter geschlossenen Trailertüren stattfindet. Sie sind überall und das einzig Schöne daran ist, wie die Autorin nicht belehrend den Zeigefinger hebt, sondern einfach schildert, was mancherorts wohl Realität ist.

Gekriegt hat mich neben diesem bizarren Szenario außerdem Clements Schreibstil. Sie erschafft treffende sprachliche Bilder und findet originelle Beschreibungen, die die drückende Hitze Floridas erlebbar und Pearls naive Weltansicht greifbar machen und interessant gestalten. Zugegeben, manchmal geht das haarscharf am Kitschigen vorbei.

My mother was a cup of sugar. You could borrow her anytime.
My mother was so sweet, her hands were always birthday-party sticky. Her breath held the five flavors of Life Savers candy.
(S. 3)


Auf der Hälfte des Romans passiert schließlich das Unausweichliche und Pearls Leben wendet sich um 180 Grad. In Part 2 war ich noch froh über die positiven Erfahrungen, die sie plötzlich machen darf und beeindruckt von Clements detailgetreuer Einfühlsamkeit. In Part 3 warten weitere lebensverändernde Wendungen auf die Protagonistin, die ich zwar nicht unpassend fand, die mich aber weit weniger angesprochen haben. Aber allein für die erste Hälfte und das Kennenlernen der skurrilen Gestalten um Pearl herum, lohnt sich ein Blick in das Buch.