5.0

Emer O’Toole wurde beileibe nicht als Feministin geboren. Unter anderem in der Theatergruppe ihrer Schule lernte sie wie alle anderen Mädchen, wie ein Mädchen zu sein hat, dass es weiblich ist, hübsch und artig zu sein, und wie man es anstellt, dass man den Jungs gefällt. Im Pub, in dem sie jobbt, macht sie sich allgemein bei der männlichen Stammkundschaft beliebt, in dem sie herausflötet, wie sie sich darauf freut, zu heiraten und Mann und Kinder zu versorgen. Eine überstandene Anorexie später hat Emer jedoch ein Schlüsselerlebnis: Sie geht nicht verkleidet zu einer Halloweenparty, sondern als Mann. Wird von einigen anfangs nicht erkannt, dann doch. Sorgt dadurch für Aufsehen. Und beim Tanzen wird ihr klar: Was tut sie da eigentlich? Sie spielt die Rolle eines Mannes, der sich als Frau ausgibt. Sie braucht nur die Schminke wegzulassen, die Haare kurz zu tragen, sich „männlich“ zu kleiden und sich auf eine bestimmte Art und Weise zu benehmen und schwups – ist sie ein Mann. Schon damals deutet sich die Schlussfolgerung an, die Emer aus ihren Erfahrungen und später aus ihren Studien zieht: Das soziale Geschlecht, das „Gender“, ist eine Rolle, die wir spielen, die uns aufgedrückt wurde. Eine Performance.

Es ist das reine Vergnügen, Emer O’Tooles Worten zu lauschen. Denn sie ist nicht nur eine Akademikerin mit Doktortitel sondern hat auch den nötigen Humor, um ein solches Buch für alle (auch Männer!) äußerst unterhaltsam zu machen. Durchsetzt mit zahlreichen Anekdoten öffnet sie uns die Augen, zeigt uns, wie sexistisch unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch ist, wie wir dazu gebracht werden uns so zu verhalten, wie das für Frauen und Männer als angemessen betrachtet wird. Man denke nur an gegenderte Überraschungseier. So müssen Frauen vor allem attraktiv sein. Wir ahnen ja nicht, wie stark der schnöde Mammon, die Schönheitsindustrie, daran beteiligt ist. Körperhaare müssen ab, weil „igitt“! Aber wieso? Vor, sagen wir mal 120, Jahren gab es noch keine Körperrasur für Frauen. Dann brachte eine bestimmte Firma plötzlich einen Damenrasierer auf den Markt. Und hat es über die Jahre hinweg geschafft, die gesamte Gesellschaft nach und nach davon zu überzeugen, dass Körperbehaarung bei Frauen nicht akzeptabel ist. Im Gegensatz zum Pelz der Männer, obwohl es die mittlerweile auch immer mehr erwischt, jedenfalls was Achselhaare angeht. (Mir wäre es lieber, die die Scheißbärte würden wieder unmodern und kämen ab!) Emer O’Toole hatte ihren bekanntesten Auftritt in der Öffentlichkeit eben zu diesem Thema. Sucht man per Bildersuche nach ihrem Namen, bekommt man gleich die Fotos serviert, die bei ihrem Besuch in einer Morgensendung des britischen Fernsehens entstanden sind. Als sie als Beweis, dass sie sich nicht mehr rasiert (was infrage gestellt wurde, offenbar unvorstellbar), ihre Achseln in die Kamera hielt und ausrief „get your pits out for the lads!“ Dies sei nur ein Beispiel für den Humor, der das Buch durchzieht, der richtig Spaß macht.

Emer O’Toole nennt uns zahlreiche Beispiele und Belege dafür, wie künstlich unsere Gendernormen sind. Wie die kategorische Zuordnung zu einem der beiden Pole Menschen, die eben nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, verzweifeln lassen kann. Dass das Gender nämlich nicht bipolar ist, man ist nicht 100 % Frau und 100 % Mann, sondern jeder birgt mehr oder weniger gegengeschlechtliche Merkmale. Gender ist ein Verlauf.

Ebenso ist es laut Emer O’Toole mit der Sexualität. Sie musste ihre eigene Bisexualität selbst erst entdecken. Auch hier gibt es ihrer Meinung nach keine hundertprozentige Zuordnung zu hetero- der homosexuell, auch hier unterliegen wir den Normen der Gesellschaft, in der wir leben. Als Beispiel führt sie die klassische altgriechische Gesellschaft an, in der eine (durchaus sexuelle) Beziehung eines reiferen zu einem jüngeren Mann als normal angesehen wurde. Was die Griechen jedoch keineswegs davon abhielt, Frauen zu heiraten und Kinder zu bekommen.

Emer O’Toole konnte mich mit fast allen ihren Aussagen und Theorien überzeugen. Lediglich bei der Aussage, die Bevorzugung des jeweils anderen Geschlechts sei auch ausschließlich gesellschaftlich bestimmt, bin ich mir nicht so sicher, da spielen meiner Meinung nach schon noch Veranlagung und Instinkte mit. Im Tierreich überwiegt ja schließlich auch die Hinwendung zum anderen Geschlecht (obwohl es im Tierreich selbstverständlich Homosexualität gibt!). Was aber selbstverständlich in keiner Weise heißen soll, dass an Homosexualität irgendetwas falsch ist.

Ein Augen öffnendes, großartiges Buch, das ich euch unbedingt empfehlen möchte, auch möchte ich euch besonders das Hörbuch ans Herz legen, Emer O’Toole liest es zwar nicht selbst, aber die Sprecherin Olivia Caffrey macht das vorzüglich.