A review by premium_huhn
Die unendliche Bibliothek by Alberto Manguel, Jorge Luis Borges

challenging inspiring reflective slow-paced
  • Plot- or character-driven? N/A
  • Strong character development? N/A
  • Loveable characters? N/A
  • Diverse cast of characters? N/A
  • Flaws of characters a main focus? N/A

4.0

Der Name Jorge Luis Borges lief mir in der Vergangenheit immer mal wieder über den Weg. Seine Bibliothek von Babel etwa als Vorbild für die Bibliothek in Umberto Ecos „Der Name der Rose“ und Edward Gorey, über den ich zuletzt das unterhaltsame Buch von Moers las, nennt Borges als eines seiner vielen literarischen Vorbilder – um nur zwei Beispiele zu nennen. Zudem gilt Borges als einer der Begründer des magischen Realismus, mit dem ich mich noch nicht weiter befasst hatte bislang. Als erklärte Phantastik-Leserin hatte ich das Gefühl, hier eine echte Bildungslücke zu haben.
Also habe ich mir für den Einstieg diesen Sammelband in deutscher Übersetzung mit Kurzgeschichten, Essays und Gedichten von Borges organisiert, zusammengestellt von seinem langjährigen Vorleser, Alberto Manguel. Die Texte sind chronologisch gemäß ihrem ursprünglichen Erscheinungsdatum sortiert.
Wie es bei solchen Sammlungen oft ist: Einige Geschichten haben mir ganz hervorragend gefallen, andere mochte ich nicht. Einige habe ich auch einfach nicht verstanden, muss ich ehrlich zugeben.
Am besten gefallen haben mir, wenig überraschend, diejenigen Geschichten, die wohl die eigentlichen Vorläufer des magischen Realismus sind. Soweit ich es überblicke, waren das vornehmlich jene, die ursprünglich in den Ficciones/Fiktionen erschienen sind. Dazu gehört natürlich die <i>Bibliothek von Babel</i>, deretwegen ich diese Sammlung überhaupt erst in die Hand genommen habe. Sehr unterhaltsam fand ich auch <i>Tlön, Uqbar, Orbis Tertis</i>. Eins der Highlights des Buches war für mich <i>Pierre Menard, Autor des Don Quijote</i> – ein Essay über einen fiktiven Autor, der es sich zum Ziel gemacht hat, den Don Quijote aus sich heraus wortgetreu erneut zu schöpfen. Es wird erörtert, welche Wege er zu diesem Zwecke zu nehmen versucht und wie der Erzähler die Ergebnisse dieser Bemühungen einordnet. Ich habe gut gelacht, aber gleichzeitig steckt in dem Text auch die Anregung, darüber nachzudenken, mit welcher Erwartungshaltung wir Texte lesen und interpretieren und was das für Auswirkungen auf die Lektüre hat. Abseits der Fiktionen hat mir <i>Das Aleph</i> sehr gut gefallen, eine Geschichte über einen Mann, der zufällig ein kleines Guckloch zum gesamten Kosmos in seiner Kellertreppe gefunden hat (und über einen Neider, der sich davon wenig beeindruckt zeigt).
Sehr anspruchsvoll fand ich die Lektüre der philosophischen Essays. Philosophie ist nicht gerade mein Steckenpferd und ich habe Tage gebraucht, um mich beispielsweise durch Borges Widerlegung der Zeit zu arbeiten. Es lohnt sich aber, am Ball zu bleiben. Die Sachtexte fungieren gewissermaßen als Lektüreschlüssel zu Borges fantastischen Kurzgeschichten. Verschiedene Themen trieben den Autor jahrelang immer wieder um: die Zeit, das geschriebene Wort und Labyrinthe in verschiedenen Formen. Seine theoretischen Überlegungen setzte er seinen in fantastischen Erzählungen um, die wiederum interessanter werden, wenn man weiß, welche Gedankengänge dahinterstecken.
Auf der anderen Seite entzaubern die Essays die fantastischen Geschichten auch in gewisser Weise. Bei mir hat es stellenweise den <i>sense of wonder</i> zerschossen, als ich hinter den coolen Geschichten fade philosophische Abhandlungen durchscheinen sah, zumal wie gesagt, die Themen über viele Texte hinweg immer wieder neu aufgegossen werden. Eine editorische Notiz am Buchende spricht von „thematische Konstanz“. Ich würde es eher als „thematische Redundanz“ bezeichnen.
Ein „Nebenbefund“ meiner Lektüre ist, dass überraschend viele phantastische Autoren, die was auf ihre Belesenheit geben (merke, nicht Autorinnen!) sich auf Dantes Inferno beziehen. (Zumindest war mir das von Neil Gaiman und Philipp Pullmann auch noch in Erinnerung). Allmählich hege ich den Verdacht, dass Dantes Inferno das Römische Reich des Bildungsfantasten ist. „Wie oft denken Sie an Dantes Inferno?“. :D
Nicht viel anfangen konnte ich leider mit dem argentinischen Flair einiger Geschichten. Zwar gilt Borges als sehr „europäischer“ südamerikanischer Autor, aber nichtsdestotrotz weisen seine Texte natürlich zahlreiche Bezüge auf seine Heimat auf. Bei einigen wenigen Texten hatte ich das Gefühl, dass mir Hintergrundwissen über das Land, dessen Kultur und Geschichte fehlte, um sie wirklich verstehen zu können.
Das Nachwort des Kompilators empfand ich als sehr hilfreich. Er schildert seine persönlichen Eindrücke von Borges und Situationen, die er mit ihm erlebte. Aus dem Text geht auch hervor, dass Borges in Argentinien aufgrund seiner besonderen Art, zu schreiben, Schullektüre ist. Offenbar baut er seine Sätze recht lang und „europäisch“, teils angelehnt an deutsche Satzstrukturen. Hier ist sicherlich etwas <i>lost in translation</i>, denn das fiel mir beim Lesen überhaupt nicht auf – logisch, die deutschen Sätze in der mir vorliegenden Übersetzung waren natürlich nach der deutschen Grammatik gebaut und kamen mir auch nicht übermäßig lang vor.
Alles in allem keine einfache Lektüre und ich habe mehrere Wochen für den nicht sehr langen Band gebraucht, einfach weil ich immer wieder Pausen zum Nachdenken und Verdauen brauchte. Als „Pflichtlektüre“ für alle, die sich intensiver mit der Phantastik auseinandersetzen sehr brauchbar. Wenn es ums reine Lesevergnügen geht, würde ich empfehlen, lieber gleich zu den Fiktionen zu greifen. Mir persönlich reichts jetzt erstmal mit Borges. Vielleicht ein später noch einmal, wenn ich dieses Buch fertig verdaut habe.