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A review by wran
Das Ende von Eddy by Édouard Louis
4.0
Ich konnte den Roman kaum aus den Händen legen, so sehr haben mich die geschilderten Beobachtungen aus dem kleinen Ort in der Picardie gefangen genommen. Mein Entsetzen darüber, dass diese proletarisch-brutale Welt noch in den 90ern so existierte und meine Empathie für Eddy, der vergeblich dazugehören möchte, waren groß.
Eddy wächst in einer armen Familie mit vier Geschwistern auf. Obwohl der Vater in der Messingfabrik arbeitet, sind Essen und Heizmittel am Ende des Monats manchmal knapp. Das Haus ist feucht und heruntergekommen, die Sprache ist rau, Kommunikation wird eigentlich vom ununterbrochen laufenden Fernseher übernommen. Schließlich spielt Bildung kaum eine Rolle: Die Kinder bleiben vor allem deshalb bis 16 Jahre auf der Schule, weil sonst die Familienunterstützung wegfällt.
Was Louis hervorragend gelingt, ist die Stimmung, die Atmosphäre und drückende Verzweiflung, die in und um Eddy herum herrschen, einzufangen. Die Menschen kennen keine Alternativen, um aus Schwerstarbeit, Suff und Gewalt (die Männer), Kinderkriegen, Haushalt und Gewalterfahrung (die Frauen) auszubrechen. Solidarität ist selten, Hass und Missgunst gegenüber anderen, die sich nicht anpassen wollen oder können (Schwule, Araber) sind groß. Spätestens mit seinem Eintritt in die Mittelschule erfährt Eddy aufs grausamste, dass er mit seiner hellen Stimme, seiner ausladenden Gestik und dem ihm eigenen Hüftschwung zu den anderen zählt. Zwar hat es schon seit seiner Kindheit Anspielungen, v.a. vom Vater gegeben, aber nun wird er von anderen Schülern systematisch gedemütigt und geprügelt. Auch wenn es sich nicht immer um persönliche Erfahrungen handeln mag, erzählt Louis so intensiv, als ob er dabei gewesen wäre.
Der Erzähler macht deutlich, dass er Lieblosigkeit und Gewalt in Familie und Dorf nicht nur den Einzelnen anlastet. Da hat Edouard Louis wohl schon seine ersten Semester Soziologie hinter sich, denn er lässt den Erzähler die archaischen Geschlechterverhältnisse, den Hass auf die Bourgeoisie, das Misstrauen gegenüber Ärzten, von einem quasi wissenschaftlichen Standpunkt aus kommentieren. Die Kommentare wirken ein wenig altklug und ich finde sie nicht unbedingt falsch, eher überflüssig, weil sie das vorher eindrücklich Geschilderte noch einer extra Analyse unterziehen. Insgesamt bin ich von diesem Erstlingswerk sehr beeindruckt und werde sicher Louis' nächsten Roman lesen.
Eddy wächst in einer armen Familie mit vier Geschwistern auf. Obwohl der Vater in der Messingfabrik arbeitet, sind Essen und Heizmittel am Ende des Monats manchmal knapp. Das Haus ist feucht und heruntergekommen, die Sprache ist rau, Kommunikation wird eigentlich vom ununterbrochen laufenden Fernseher übernommen. Schließlich spielt Bildung kaum eine Rolle: Die Kinder bleiben vor allem deshalb bis 16 Jahre auf der Schule, weil sonst die Familienunterstützung wegfällt.
Was Louis hervorragend gelingt, ist die Stimmung, die Atmosphäre und drückende Verzweiflung, die in und um Eddy herum herrschen, einzufangen. Die Menschen kennen keine Alternativen, um aus Schwerstarbeit, Suff und Gewalt (die Männer), Kinderkriegen, Haushalt und Gewalterfahrung (die Frauen) auszubrechen. Solidarität ist selten, Hass und Missgunst gegenüber anderen, die sich nicht anpassen wollen oder können (Schwule, Araber) sind groß. Spätestens mit seinem Eintritt in die Mittelschule erfährt Eddy aufs grausamste, dass er mit seiner hellen Stimme, seiner ausladenden Gestik und dem ihm eigenen Hüftschwung zu den anderen zählt. Zwar hat es schon seit seiner Kindheit Anspielungen, v.a. vom Vater gegeben, aber nun wird er von anderen Schülern systematisch gedemütigt und geprügelt. Auch wenn es sich nicht immer um persönliche Erfahrungen handeln mag, erzählt Louis so intensiv, als ob er dabei gewesen wäre.
Der Erzähler macht deutlich, dass er Lieblosigkeit und Gewalt in Familie und Dorf nicht nur den Einzelnen anlastet. Da hat Edouard Louis wohl schon seine ersten Semester Soziologie hinter sich, denn er lässt den Erzähler die archaischen Geschlechterverhältnisse, den Hass auf die Bourgeoisie, das Misstrauen gegenüber Ärzten, von einem quasi wissenschaftlichen Standpunkt aus kommentieren. Die Kommentare wirken ein wenig altklug und ich finde sie nicht unbedingt falsch, eher überflüssig, weil sie das vorher eindrücklich Geschilderte noch einer extra Analyse unterziehen. Insgesamt bin ich von diesem Erstlingswerk sehr beeindruckt und werde sicher Louis' nächsten Roman lesen.