A review by premium_huhn
Der Name des Windes by Patrick Rothfuss

adventurous dark emotional mysterious medium-paced
  • Plot- or character-driven? A mix
  • Strong character development? Yes
  • Loveable characters? Yes
  • Diverse cast of characters? No
  • Flaws of characters a main focus? Yes

4.0

In "Der Name des Windes" erzählt Magier Kvothe den ersten Teil seiner Lebensgeschichte und wir erfahren, wie er vom Schausteller-Sohn zum Straßenkind und schließlich zum überaus begabten Schüler des magischen Arkanums wurde und warum man ihn "den Blutlosen" nennt. Einen sehr langen Tag braucht er, um einem bekannten Chronisten diesen Part seiner Erzählung zu diktieren, während sein Freund und Schüler Bast das Gespräch aufmerksam verfolgt und draußen vor dem Wirtshaus die schrecklichen Skraels näherkommen. Zwei weitere Tage wird er brauchen, um den Rest seiner Geschichte zu erzählen.

Das Buch wurde mir über viele Jahre immer wieder als moderner Klassiker empfohlen. Da ich eine besondere Schwäche für Namensmagie habe, die hier eine tragende Rolle spielt, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, als die Stadtbibliothek den Band im Rahmen eines Dublettenverkaufs günstig abzugeben hatte.

Das Buch braucht etwas länger, um so richtig in Gang zu kommen, aber dann hat es mich nicht mehr losgelassen und ich bin durch den Wälzer regelrecht durchgeflogen. Ich mag die Entwicklung des Hauptcharakters, der vom naiven Kind zum übereifrigen und stolzen Jugendlichen heranwächst. Auch wenn es zunächst so wirkt, als habe der Charakter keinerlei Schwächen und viel zu viele und große Stärken - Kvothe begeht einige und nicht kleine Fehler, die einerseits aus seiner Lebenssituation erklärbar sind (die ständigen finanziellen Nöte sorgen dafür, dass er meint, sich keine Verzögerung im Studium leisten zu können), andererseits aus seinem Stolz, den er wiederholt nicht zu überwinden vermag (er bittet sehr ungern um Hilfe und muss immer das letzte Wort haben).

Gut gefallen haben mir auch einige Nebencharaktere. Zum einen Bast, über den wir in diesem Band leider nicht viel erfahren, der aber einerseits eine wirklich treue Seele zu sein scheint, andererseits aber zu einigen wenigen Gelegenheiten ein herrlich anderweltliches Verhalten an den Tag legt. Zum anderen ist mir Denna nach einiger Zeit ans Herz gewachsen. Zunächst hielt ich sie für eine eher nervige Loveinterest. Aber je besser Kvothe sie kennenlernt, desto klarer wird, dass sie eine kluge und gewitzte Person mit eigener Agenda ist, die das Erobern von Männern als Mittel zum Zweck, nicht aber als Lebensziel sieht. Dass Kvothe ihren vielen Zweckliebschaften einigermaßen eifersuchtsfrei gegenübersteht, fand ich sehr erfrischend.

Es ist kein Geheimnis, dass man mich fängt mit Geschichten über fleißige Personen, die zielstrebig und mit Nachdruck an ihren Vorhaben arbeiten und dabei wachsen und sich entwickeln. Das Buch hier bietet genau das. Es hat einfach alles: Talent, das durch Fleiß gefördert wird. Die tragische Backstory, die überwunden werden muss. Eine Magierakademie! Awww yiss!

Kleinere Kritikpunkte hatte ich dennoch:

Erstens braucht das Buch, wie bereits gesagt, einfach zu lange, um so richtig in Gang zu kommen. Ich wüsste nicht, was ich kürzen würde, denn wir lernen in dieser Zeit ja unseren Hauptcharakter kennen und dessen aktuelle Lage. Aber ich habe gefühlt für die ersten 70 Seiten so lange gebraucht wie für die nächsten 400. :D

Zweitens: Kvothe betrachtet Frauen ziemlich oberflächlich. Ihr Aussehen wird wirklich bis ins Detail beschrieben und die, die ihm auffallen, sehen einfach alle unendlich heiß aus. Immerhin ist das Buch sich dessen insofern bewusst, als dass in einer der Wirtshausszenen Bast genau das anmerkt. Allerdings wirkte das auf mich so, als habe hier das Lektorat etwas reingeschrieben, was mir als Leserin auch auffiel. Denn die Aussage wird so in den Raum gestellt und dann von Kvothe nicht weiter verfolgt. Auf der anderen Seite mag das auch Absicht sein: Kvothe hat als Mann logischerweise keinen besonderen Blick für die misogynen Verhältnisse im Land allgemein und an der Akademie im Besonderen und scheint sie im Gegenteil aufzunehmen und unreflektiert wiederzugeben. Es gibt in der Geschichte durchaus verschiedene eigenständig handelnde Frauen ... die allerdings bislang alle "Einzelkämpferinnen" sind.

Drittens: Viele Leute haben es, wie ich hinterher feststellte, schon angemerkt, aber die Parallelen zum ersten Erdsee-Band von Ursula K. LeGuin sind wirklich auffällig. Kvothe und Sperber teilen sich viele Eigenschaften: Beide von klein auf unfassbar talentiert, beide aus ärmlichen Verhältnissen, beide müssen sich an der Akademie als junge Underdogs behaupten und beide stehen sich mit ihrem Stolz und einer unnötigen Fehde mit einem adligen, älteren Schüler selbst im Weg. Auch die Namensmagie spielt in beide eine wichtige Rolle. Ich sehs nicht als Bug, sondern als Feature: Ihr mochtet Erdsee? Dann werdet ihr auch "Der Name des Windes" mögen. Die Unterschiede zwischen beiden sind meiner Meinung nach groß genug, dass es die Lektüre absolut rechtfertigt. Kein billiger Abklatsch, sondern vielmehr eine neue Variation auf einigen ähnlichen Grundideen.

Insgesamt hat mir die Lektüre ausnehmend gut gefallen. Leider habe ich danach festgestellt, dass es den dritten Band noch nicht gibt (und eventuell nie geben wird, wer weiß). Macht aber nichts, ich hab ja noch zwei zweite Bände und gegebenenfalls die dazugehörigen Novellen vor mir. Und wenns dann nicht abgeschlossen wird: Schade, aber das schmälert für mich nicht die Freude, die ich an diesem ersten Band hatte.